Mit Ängsten ganz behutsam umgehen

Bei der Senioren-Tagesbetreuung der Lebenshilfe sind Alter, Einschränkungen und der Weg, der sie zum Angebot führte, sehr

verschieden. Die eine kann schlecht sehen, die andere ist dement – gemeinsam reden, basteln sie und machen Gymnastik.

 

Die Teilnehmer der Tagesbetreuung fassen sich beim Sitztanz an den Händen. Foto: Rahmann

Von Thomas Rahmann
Nagold. Zugreifen, streicheln, eincremen, zwicken, kratzen, 
pfeifen, boxen, Flöte spielen. Die Teilnehmer der SeniorenTagesbetreuung der Lebenshilfe Nagold zählen Tätigkeiten 
auf, die man mit den Händen machen kann. „Wie viele Knochen hat der Fuß?“, fragt Mitarbeiterin Funk-König in die 
Runde. „26“, weiß eine Teilnehmerin, das habe sie „irgendwo gehört“.
Anerkennendes Nicken in der Runde. Die Aktivierungsübungen von Funk-König haben dieses Mal im wahrsten 
Sinne des Wortes Hand und Fuß. Die Teilnehmer sollen die Hände ineinander verschränken. „Rechter kleiner Finger 
und linker Zeigefinger“, sagt Funk-König. Die Menschen im Sitzkreis strecken die genannten Finger aus – oder versuchen 
zumindest, die richtigen auszustrecken – und halten die 
Hände dabei verschränkt.
 
Altersspanne beträgt über 30 Jahre

Ältere Menschen mit verschiedenen Einschränkungen kommen montags und dienstags von 9 bis 16 Uhr im LebenshilfeZentrum in der Steinbeisstraße 
zusammen, einige werden auch vom Fahrdienst abgeholt. Die Altersspanne der Teilnehmer beträgt dabei über 30 Jahre.
Neben dem gemeinsamen Frühstück und Mittagessen wie der Gymnastik stehen auch manchmal Backen und Basteln 
auf dem Tagesprogramm. Wer dabei müde wird, kann in einem Liegesessel sitzen oder einen Ruheraum mit Betten 
aufsuchen. Manchmal macht die Gruppe auch einen kleinen Ausflug, beispielsweise nach Freudenstadt.

Eine Frau, die sich im Gespräch mit unserer Redaktion als „alte Nagolderin“ vorstellt, 
mag es, in der Tagesbetreuung einfach zu „sitzen und es sich gut gehen zu lassen“. Sie wohnt mit ihrem Mann zusammen, 
der sie auch zur Betreuung bringt. Er hantiere viel in seiner Werkstatt, daher sei sie auch oft 
allein und freut sich, unter Leute zu kommen. Von dem Angebot hatte sie in der Zeitung gelesen und lange überlegt, ob sie 
sich so eine Gruppe aufgrund ihrer schlechten Sehfähigkeit zutraut. Mit solchen Ängsten und Sorgen versucht das Team 
der Lebenshilfe behutsam umzugehen. Nach einer Kontaktaufnahme und Gesprächen können Interessierte an einem 
Schnuppertag teilnehmen. Auch die Finanzierung wird dann besprochen – je nach Pflegegrad sei eine Bezahlung 
durch die Krankenkassen möglich, sagt Brigitte Steinbach, Leiterin der Tagesbetreuung. 

Es gebe aber auch Selbstzahler. Eine Teilnehmerin aus dem Pflegeheim nutze beispielsweise auch die Tagesbetreuung – 
Pflegeheim und Tagesbetreuung zahle die Kasse nicht. Oft komme der Impuls, die Tagesbetreuung zu nutzen, auch von den Angehörigen, 
sagt Steinbach. Einige der Angehörigen engagieren sich dabei auch beispielsweise im Vorstand der Lebenshilfe. Hauptsächlich durch das Engagement der Ehrenamtlichen ist je 
ein Betreuer für zwei Teilnehmer zuständig. Dieser hohe Betreuungsschlüssel ermögliche, 
dass sich Betreuer auch mal eine halbe Stunde Zeit für ein Gespräch unter vier Augen nehmen können, sagt Steinbach. 

Auch Menschen mit Demenz willkommen

Einige Teilnehmer sind auch dement. Durch die gemischte Gruppe seien die Menschen mit
Demenz auch gefordert, sagt Geschäftsführerin Sigrid Baranek. „Manche Demente denken, sie wären in ihrem Beruf“, 
sagt Gabriele Löhr, Leiterin der Eingliederungshilfe. Es sei wichtig, demente Senioren in 
ihrer eigenen Realität abzuholen und nicht zu versuchen, sie davon wegzubringen, führt Baranek fort. 
Die Teilnehmer zerknüllen ein Zeitungspapier mit dem Fuß und kicken es in die Kreismitte. Es folgt ein KuckucksWalzer zum Monat Mai, bei dem sich die Teilnehmer an den Armen fassen und nach rechts und links, vor und zurück schunkeln. „Net so steif“, sagt 
eine alte Frau zu ihrer Sitznachbarin, beide lachen.